Die gute Schule von morgen - Für einen „Masterplan Qualitätsoffensive Ganztagsschule“

Der Nationale Bildungsbericht 2010, den der Bundestag in dieser Woche berät, belegt: Mit dem Ganztagsschulprogramm hat die SPD-geführte Bundesregierung ab 2003 einen Ausbauschub bei den Ganztagsschulangeboten angestoßen. Die Zahl der Ganztagsschulen hat sich seither verdoppelt. Trotzdem liegt Deutschland beim Ganztagsschulangebot im internationalen Vergleich immer noch zurück. Deshalb ist die Zeit reif für einen neuen „Masterplan Qualitätsoffensive Ganztagsschule“. In unserem Arbeitsprogramm „Deutschland 2020“ haben wir unser Ziel klar formuliert: Bis 2020 soll jedes Kind und jeder Jugendliche die Möglichkeit haben, eine gute Ganztagsschule zu besuchen.

1.  Gleiche Chancen auf bessere Bildung – dank guter Ganztagsschulen

Die Schule von morgen ist die Ganztagsschule. Gute Ganztagsschulen sind ein Schlüssel für mehr Chancengleichheit in der Bildung und bessere Bildungserfolge aller Kinder und Jugendlichen. Gute Ganztagsschulen bieten mehr Zeit und Raum für die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler und damit für die Verwirklichung und Entwicklung aller Begabungen, Talente und Potenziale. Nicht zuletzt erleichtern sie den Eltern den Alltag und verbessern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Gute Ganztagsschulen sind unverzichtbar

•  aus pädagogischen Gründen, weil Schule mehr Zeit für Bildung, individuelle Förderung und offene Schulgestaltung braucht und so für alle bessere Leistungen fördert;

•  aus entwicklungspsychologischen Gründen, weil mehr Zeit für soziales Lernen nachweislich ein positives Sozialverhalten stärkt;

•  aus integrationspolitischen Gründen, weil die Ganztagsschule besser als jede andere Schulform die sprachliche, kulturelle und soziale Integration von Kindern, Jugendlichen und Familien mit Migrationshintergrund leisten kann;

•  aus sozialpolitischen Gründen, weil sich in Ganztagsschulen Bildungschancen für alle bzw. soziale und kulturelle Teilhabe am besten diskriminierungsfrei und mit niedrigen Zugangsschwellen organisieren lassen;

•  aus gesellschafts- und gleichstellungspolitischen Gründen, weil Ganztagsschulen den Eltern die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit ermöglichen;

•  aus wirtschafts- und beschäftigungspolitischen Gründen, weil ganztägige Betreuung und individuelle Förderung das Bildungsniveau und die Beschäftigungsfähigkeit erhöht und langfristig zur Sicherung der Fachkräftebasis beiträgt.

Die von der SPD durchgesetzte Begleitforschung zum rot-grünen Ganztagsschulprogramm hat bestätigt: Die Ganztagsschule wirkt. Die Ergebnisse lesen sich wie ein Werbeprospekt für den weiteren Ausbau von Ganztagsschulen: Die dauerhafte Teilnahme an Ganztagsschulangeboten verringert das Risiko für Klassenwiederholungen und problematisches Sozialverhalten und verbessert bei hoher Schulqualität die Schulnoten. Eltern fühlen sich durch die Ganztagsschule entlastet, mit positiver Wirkung auf das Familienklima. Besonders gilt dies für Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status.

Wir fordern deshalb den Ausbau und die qualitative Weiterentwicklung der Ganztagsschulen unter Beteiligung des Bundes in den kommenden Jahren.

 

2. Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB)

Mit dem Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB) hat die SPD-geführte Regierungskoalition im Jahr 2003 das größte Schulbauprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik gestartet. Bis 2009 unterstützte der Bund die Länder mit insgesamt vier Milliarden Euro beim Auf- und Ausbau des Ganztagsschulangebots.

Mit dem Investitionsprogramm haben wir einen wichtigen Impuls für die Erneuerung des deutschen Schulsystems gegeben. So konnten durch Investitionen an über 7.000 Schulen zusätzliche Ganztagsangebote geschaffen werden – ein hervorragender Erfolg.

Bundesland

Anzahl geförderter Schulen

Mittel des Bundes

(in Mio. Euro)

Baden-Württemberg

521

525,34

Bayern

897

569,58

Berlin

374

147,19

Brandenburg

346

129,55

Bremen

35

28,28

Hamburg

134

66,78

Hessen

333

278,32

Mecklenburg-Vorpommern

177

93,75

Niedersachsen

336

394,62

Nordrhein-Westfalen

2.852

913,66

Rheinland-Pfalz

370

198,44

Saarland

236

49,04

Sachsen

148

197,91

Sachsen-Anhalt

68

125,82

Schleswig-Holstein

214

135,04

Thüringen

151

114,40

Gesamt

7.192

3.967,72

Quelle: Endbericht zum Ganztagsschulprogramm

 

3. Entwicklung des Ganztagsschulangebots in Deutschland

Der Nationale Bildungsbericht 2010 weist aus, dass sich die Zahl der Ganztagsschulen zwischen 2002 und 2008 mehr als verdoppelt hat (plus 138 Prozent). 6.800 neue Ganztagsschulen sind in diesem Zeitraum entstanden.

Ergebnis: Mit insgesamt 11.825 Ganztagsschulen wurde 2008 bereits an mehr als jedem dritten Schulstandort in Deutschland Ganztagsbetrieb angeboten: Bei einer Gesamtzahl von 34.917 allgemeinbildenden Schulen ein Anteil von rund 34 Prozent . Im Primar- und Sekundarbereich I betrug die Ganztagsschulquote sogar 42 Prozent. Den höchsten Anteil an Ganztagsschulen verzeichnen Schulen mit mehreren Bildungsgängen bzw. Integrierte Gesamtschulen sowie Förderschulen.


Quelle: Nationaler Bildungsbericht 2010

Neue Ganztagsangebote sind vor allem in der so genannten „offenen“ Form entstanden (1): So überwiegt der offene Ganztagsbetrieb, an dem die Schülerinnen und Schüler freiwillig teilnehmen, vor allem innerhalb der ganztägigen Angebote an Grundschulen (88 %), Realschulen (79 %) und Gymnasien (76 %). Auch Ganztagsschulen mit mehreren Bildungsgängen haben mit 59 % vornehmlich offene Ganztagsangebote.

Bei Ganztagsschulen lassen sich (je nach dem Grad der Verbindlichkeit der Teilnahme am Ganztagsangebot) drei Organisationsformen unterscheiden: Beim voll gebundenen Modell sind alle Schülerinnen und Schüler zur Teilnahme verpflichtet, beim teilweise gebundenen Modell nur ein Teil (z. B. einzelne Klassen), und in der offenen Form nehmen einzelne Kinder auf Wunsch freiwillig an den ganztägigen Angeboten teil.

Nicht nur der Ausbau der Angebote ist seit 2002 deutlich vorangeschritten. Verdoppelt hat sich auch der Anteil der Schülerinnen und Schüler in diesen Angeboten. Die Beteiligungsquote von Schülerinnen und Schülern liegt allerdings mit 24 % (2008) immer noch deutlich unter dem Anteil der Schulen mit Ganztagsbetrieb.

(1) Bei Ganztagsschulen lassen sich (je nach dem Grad der Verbindlichkeit der Teilnahme am Ganztagsangebot) drei Organisationsformen unterscheiden: Beim voll gebundenen Modell sind alle Schülerinnen und Schüler zur Teilnahme verpflichtet, beim teilweise gebundenen Modell nur ein Teil (z. B. einzelne Klassen), und in der offenen Form nehmen einzelne Kinder auf Wunsch freiwillig an den ganztägigen Angeboten teil.

Quelle: Nationaler Bildungsbericht 2010

 

4.  Masterplan Qualitätsoffensive Ganztagsschule 2020

Der Nationale Bildungsbericht bestätigt: Wir sind im vergangenen Jahrzehnt beim Ausbau der Ganztagsschulen gut vorangekommen. Aber von einem flächendeckenden Angebot sind wir in Deutschland noch weit entfernt. In anderen Ländern – gerade in solchen, die sowohl bei der Chancengleichheit als auch bei den Bildungserfolgen der Kinder und Jugendlichen besser sind als wir – stellt die Ganztagsschule die normale Schulform dar (z. B. Finnland, Frankreich).

Deshalb ist die SPD-Bundestagsfraktion der Überzeugung: Wir dürfen nicht auf halbem Weg stehen bleiben. Wir wollen das Angebot an Ganztagsschulen bis 2020 bundesweit flächendeckend ausbauen. Dabei wollen wir nicht nur in Beton investieren, sondern Schule als gesellschaftlichen Ort auch qualitativ weiterentwickeln. Spätestens zum Ende des Jahrzehnts soll jedes Kind und jeder Jugendliche die Möglichkeit haben, eine gute Ganztagsschule zu besuchen. Dafür wollen wir die Weichen stellen. Die Zeit ist reif für einen „Masterplan Qualitätsoffensive Ganztagsschule 2020“.

•  Ausbau der Ganztagsschulen: Gemeinschaftsprojekt von Bund, Ländern und Kommunen

Der Ausbau der Ganztagsschulen kann nur als gesamtstaatliches Gemeinschaftsprojekt gelingen. Notwendig ist eine umfassende Übereinkunft von Bund, Ländern und Kommunen. Eine solche Übereinkunft muss klare Vereinbarungen über Zielsetzungen und Konzept, Ausbauphasen und Zwischenziele, Finanzierungsbedarfe und Finanzierungsbeteiligungen der verschiedenen politischen Ebenen enthalten.

Mit unserem Masterplan machen wir dafür konkrete Vorschläge, um im Zeitraum bis 2020 ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen zu erreichen. In einer ersten Phase wollen wir bis 2015 rund 7.000 weitere Ganztagsschulen schaffen und das Angebot dadurch auf rund 19.000 erhöhen. Um dieses Ziel zu erreichen, veranschlagen wir bis zu 10 Milliarden Euro an Bundesmitteln zusätzlich für Investitionen und Personalkosten bis 2015.

•  Ort des sozialen Miteinanders: Die gute Schule von morgen

„Gute Ganztagsschule“ bedeutet für uns nicht, einfach Unterrichtszeiten zu verlängern und Lerneinheiten über den Tag zu verteilen. „Gute Ganztagsschule“ heißt vielmehr, sowohl die Qualität der Schule, die Lehre und das Lernen zu verbessern als auch die Aufgabe und Rolle von Schule und Lernen selbst zu verändern und neu zu definieren. Kurz: Es geht nicht darum, mehr zu lernen, sondern anders und besser zu lernen.

Gute Ganztagsschulen bieten neue Möglichkeiten, um den Anspruch eines ganzheitlichen Bildungsverständnisses im Sinne eines umfassenden „Lernens fürs Leben“ zu verwirklichen. Deshalb wollen wir die Schule zu einem Ort der gesellschaftlichen Integration weiter entwickeln, an dem soziale Kompetenzen gelernt und entwickelt werden können. Eine solche Schule wendet sich „nach außen“, öffnet sich dem Gemeinwesen und geht mit den Schülerinnen und Schülern in die Lebenswelt, auf die sie vorbereiten will. Und sie holt außerschulische Lebenswelten „nach innen“, indem sie Vereine, Musikschulen, zivilgesellschaftliche Gruppen, Betriebe, Ämter, freie Träger der Jugendhilfe usw. in die Schule einlädt.

Nur die Ganztagsschule kann den zeitlichen und räumlichen Rahmen bieten, der es erlaubt, die Schule tatsächlich zu einem sozialen Ort zu machen, an dem Lehrer, Schüler, Eltern und außerschulische Akteure zusammenfinden. Die gute Ganztagsschule von morgen ist eine offene Schule, die in die Gesellschaft geht und die Gesellschaft in die Schule holt.

•  Chancengleichheit in der Praxis: Der Ansatz besserer Bildungsinfrastrukturen

Während Schwarz-Gelb bei der Bekämpfung von Bildungsarmut allein auf Alimentierungen für eng begrenzte Gruppen setzt und die Kitas, Horte und Schulen vernachlässigt, wollen wir über einen entschlossenen Ausbau der Bildungsinfrastrukturen ein besseres und leistungsfähigeres Bildungswesen für alle schaffen. Ein Masterplan Qualitätsoffensive Ganztagsschule ist ein zentraler Baustein dieses originär sozialdemokratischen Ansatzes.