Pressemitteilung

Arnold: Innere Führung ist für viele Soldaten nur ein hohles Wort (StZ)

SPD-Politiker Arnold: Vorgesetzte müssen wieder mehr Vorbild für ihre Truppe sein, anstatt am Schreibtisch zu sitzen

Der aktuelle Wehrbericht ist ein Alarmsignal für die innere Verfassung der Bundeswehr. Führungsfehler von Vorgesetzten sind an der Tagesordnung. Der Verteidigungspolitiker Rainer Arnold skizziert im Gespräch mit Bärbel Krauß Lösungswege.

Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe hat in seinem aktuellen Bericht Fehler im Führungsverhalten bei der Bundeswehr auf breiter Front kritisiert. Hat er Recht?

Wir müssen das ernst nehmen, auch wenn die meisten Soldaten sich gut verhalten.

Der Wehrbeauftragte berichtet von Vorgesetzten - und zwar in der Masse und nicht im Einzelfall -, die über die Stränge schlagen, Vorschriften missachten und die Rechte von Untergebenen verletzen.

Ich sehe zwei Probleme: Vorgesetzte vor allem auf Ebene der Kompaniefeldwebel werden ihrer Aufgabe nicht gerecht, junge Soldaten durch eigenes Vorbild anzuleiten. Die übergeordnete Bataillonsebene reagiert häufig nicht sachgerecht und konsequent auf eklatante Führungsfehler.

Sie machen häufig Besuche in Bundeswehrkasernen. Was erfahren Sie da?

Es gibt Beispiele, wo so viele Beteiligte sich falsch verhalten, dass ein Soldat niemanden mehr findet, bei dem er sich beschweren kann. Meistens resultiert Fehlverhalten daraus, dass es nicht gelingt, militärische Härte, Tüchtigkeit und Strenge in der Balance zu halten mit den Prinzipien der inneren Führung. Damit werden manche Vorgesetzte mental nicht fertig. Dann sind sie Teil des Problems: Sie geben falsche Anordnungen, zeigen überzogene Härte, geben Befehle, die unsinnig sind, und akzeptieren nicht, dass der Soldat das Recht auf eine Erklärung hat, warum er etwas tun soll. Häufig ist überdies Alkoholmissbrauch im Spiel.

Ist das Leitprinzip der inneren Führung schon so weit ausgehöhlt, dass es nicht mehr funktioniert?

Nein. Es ist aber so, dass innere Führung vielen Soldaten als hohles Wort erscheint. Sie wird nicht mehr ausreichend vorgelebt.

Die Prinzipien der inneren Führung waren im Kalten Krieg, als die Bundeswehr im Wesentlichen eine übende Armee war, leichter zu beherzigen als unter Einsatzbedingungen. Ist diese Entwicklung eine Konsequenz der Auslandseinsätze?

Wir haben keine Erkenntnisse, dass diese Probleme mit der veränderten Einsatzwirklichkeit zu tun haben.

Aber denken Sie an Coesfeld: Da kam es zu Misshandlungen und Fehlverhalten, weil Ausbilder ihre Rekruten auf die Härten des Auslandseinsatzes vorbereiten wollten.

Ja, aber die Ausbildung im Kalten Krieg war nicht weniger fordernd, nicht weniger auf körperliche Belastungen, Leistungsbereitschaft, Durchhaltevermögen, Kameradschaft und Führungsverantwortung angelegt. Mental mag der Umgang damit durch die Einsatzrealität schwieriger geworden sein. Ich bin aber überzeugt, dass unsere Leitprinzipien für die Einsätze gut sind. Unsere Soldaten sind im Ausland nicht zuletzt deshalb angesehen, weil sie anders mit Menschen umgehen als manche anderen Streitkräfte. Allerdings ist es für mich keine Frage, dass Ethikerziehung der Bundeswehr gestärkt werden muss.

Robbes Befund ist alarmierend. Was wollen Sie unternehmen?

Der Befund ist so, dass wir parlamentarisch handeln müssen. Für mich gibt es drei entscheidende Stellschrauben: Erstens sind die Kompaniefeldwebel viel zu kurz bei ihrer Truppe, dann werden sie wieder versetzt. Das müssen wir ändern. Zweitens müssen wir die Vorbildfunktion ernster nehmen. Vorbild kann ein Vorgesetzter nur sein, wenn er tatsächlich bei seinen Leuten ist. Es sind zu viele Personalverantwortliche auf Tagungen, auf der Straße, am Schreibtisch - aber nicht bei ihren Soldaten. Wir müssen ernsthaft das ganze System so durchforsten, dass unnütze Dinge abgeschafft werden. Drittens müssen wir mit der politischen und militärischen Führung reden, inwieweit die Vorschläge vom Generalinspekteur zur Stärkung der Weiterqualifikation und der Dienstaufsicht schon Einzug in den Truppenalltag gehalten haben.

Robbe schießt die Führungsspitze um den Generalinspekteur an. Sie kümmere sich nicht um innere Führung und Wertevermittlung, weil sie mit der Transformation beschäftigt sei. Teilen Sie die Auffassung?

Ich habe nicht den Eindruck, dass die oberste Führungsetage sich nicht kümmert. Ich glaube, dass es Umsetzungsprobleme gibt. In einer so großen Organisation dauert es manchmal zu lang, bis Veränderungen von oben bis unten durchgedrungen sind.

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