Rainer Arnold zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr (Kölner Stadt-Anzeiger 13.09.2006)
Kölner Stadt-Anzeiger,
Mi., 13.09.2006
KOMMENTAR
ZUR LEGITIMATION DEUTSCHER
AUSLANDSEINSÄTZE
Sicherheitspolitik
auf drei Säulen
GASTBEITRAG VON RAINER
ARNOLD
Die Debatte über Auslandseinsätze
der Bundeswehr ist so alt wie die Einsätze selbst.
Die Frage: "Was soll die Bundeswehr denn da überhaupt?",
muss jedes Mal neu beantwortet werden. Im Kosovo und in
Bosnien, den beiden Mandaten, die den sicherheitspolitischen
Paradigmenwechsel eingeleitet haben, war das noch relativ
einfach. Da gab es einen Krieg mit ethnischen Vertreibungen
und Massenmord direkt vor unserer Haustür. Aber was
soll die Truppe im Kongo? Gerade die Diskussion um diesen
Einsatz macht deutlich, wie notwendig eine breite Debatte
über die Legitimation von Auslandseinsätzen ist.
Das neue Weißbuch der Bundesregierung muss dazu einen
Beitrag leisten. Die Frage nur nach originär nationalen
Interessen greift aber zu kurz. Vielmehr müssen wir
den Fokus auf eine umfassende Legitimation von Auslandseinsätzen
legen.
Vergegenwärtigen wir
uns die Maßstäbe, nach denen bisher entschieden
wurde, fallen in jedem Fall dieselben drei Säulen auf:
Die erste Säule ist die ethische Verantwortung. Wir
können und dürfen nicht wegsehen, wenn Menschen
in ernster Bedrängnis sind und Völkermord droht.
Allerdings wurden manchmal die Einsätze der Bundeswehr
auch moralisch überhöht begründet, wohl um
leichter eine gesellschaftliche Akzeptanz zu erreichen.
Die zweite Säule ist die Frage von Interessen. Da kein
Land heute allein für seine Sicherheit garantieren
kann, funktioniert dies nur in Bündnissen. Es gibt
also keine primär nationalen Sicherheitsinteressen
mehr, sondern nur noch gemeinsame. Hier aber gibt es Unterschiede,
etwa besondere Verantwortung und Verpflichtung aufgrund
unmittelbarer Nachbarschaft oder kolonialer Vergangenheit.
Im Zusammenhang mit diesen Stabilitätsinteressen dürfen
durchaus auch wirtschaftliche Interessen angesprochen werden.
Um Missverständnisse zu vermeiden, muss aber deutlich
werden, dass es nicht um die Durchsetzung von Rohstoffinteressen
mit Waffengewalt geht: So ist zum Beispiel die Stabilität
im Kongo eine Voraussetzung dafür, dass die deutsche
Wirtschaft dort fairen Handel treiben kann, der letztlich
uns und den Menschen im Kongo hilft und verhindert, dass
Kriminelle das Land weiter ausbeuten.
Die dritte Säule schließlich kommt häufig
zu kurz: Es geht auch um politisches Gewicht, das unser
Land durch die Einsätze gewinnt. Natürlich war
der Einsatz in Osttimor in erster Linie politisch und nicht
operativ begründet. Ich halte es für richtig,
dass wir uns auch offen zu diesen politischen Interessen
bekennen. Unser Land ist ein Schwergewicht in Europa und
muss den Anspruch haben, bei internationalen Abstimmungsprozessen
mit am Tisch zu sitzen, Entscheidungen mitzugestalten und
damit auch die internationalen Organisationen zu stärken.
Diese drei Säulen ändern je nach Situation ihre
Bedeutung. So hat Deutschland auch im Libanon die humanitäre
Pflicht, einen Beitrag zur Beendigung des Blutvergießens
zu leisten, sowie eine besondere Verantwortung für
die Sicherheit Israels. Dazu kommt unser politisches Interesse,
Impulse für einen nachhaltigen Friedensprozess zu geben.
Legt man diese Maßstäbe an und beantwortet dazu
noch die Frage, inwieweit die Truppe weitere Aufgaben auch
bewältigen kann, ist es nicht so schwer, die Debatte
über die Legitimation von Auslandseinsätzen zu
führen. Einen engen Kriterienkatalog mit abzuhakenden
Punkten wird es allerdings nicht geben können.
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